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Der erste Kontakt

Die Balance beim Kennenlernen

Wie im richtigen Leben ist es auch beim virtuellen Kennenlernen: Erlaubt ist grundsätzlich alles, was beiden gefällt. Am Anfang eines Mail-Austausches weiss man aber gerade darüber am allerwenigsten. Also ist vorsichtiges Herantasten gefragt ...

Die Balance beim Kennenlernen

Es hatte so hoffnungsvoll angefangen: Sie schrieben sich nun schon eine ganze Weile, waren sich zaghaft näher gekommen, hatten Bilder und einige Lebenslaufdaten ausgetauscht. Schnell war sie fasziniert von seinem Witz und seiner klugen, einfühlsamen Art. Und nun erhielt sie plötzlich diese Mail, in der er sich ungefragt in merkwürdigen Anspielungen erging und sie zu ihren sexuellen Vorlieben befragte. Sie war nun wirklich nicht prüde, aber das schreckte sie doch ein wenig ab. Ob mehr aus ihnen werden würde, wollte sie nun einmal lieber erst dann entscheiden, wenn sie sich auch persönlich kennen gelernt hätten.

Was sagt man dazu?

Am Anfang eines Online-Flirts steht meist ein simples Frage-Antwort-Spiel: Was machst du so? Wie siehst du aus? Wie denkst du über den Nahost-Konflikt oder über Schönheitsoperationen? Man will sich ein Bild vom anderen machen, Interesse wecken, sich vorsichtig annähern. Und schon stellt sich die Frage: Was will ich überhaupt wissen, was darf ich offenbaren? Machen Sie sich von vornherein klar, welche Informationen Sie unbedingt von Anfang an haben wollen und welche Dinge sich auch erst im Laufe des Kennenlernens ergeben können. Das hängt letztlich davon ab, was Sie selbst von dem Online-Flirt erwarten. Suchen Sie eine Beziehung, vielleicht sogar eine Ehe, oder eher eine lockere Bekanntschaft? Welchen Bildungsstand soll Ihr Traumpartner haben, welche weltanschaulichen Meinungen vertreten? Wie wichtig ist Familie? Könnten Sie bei einem Partner Kinder akzeptieren, oder was ist, wenn dieser keine Kinder möchte? Doch Vorsicht, das Eingangsbeispiel zeigt: Gerade zu Beginn ist das gegenseitige Interesse und Vertrauensverhältnis durch unbedachte oder unsensible Äusserungen oder zu forsche Fragen leicht zu erschüttern. Wenn Sie also unsicher sind, ob eine Frage unangemessen oder noch zu intim ist, machen Sie den Test: Würde ich das genauso ansprechen, wenn mir meine E-Mail-Bekanntschaft im Restaurant gegenübersitzen würde?

Gemeinsamkeiten erkennen

Das virtuelle Kennenlernen - ein Drahtseilakt, bei dem jeder Fehltritt mit dem Absturz bestraft wird? So dramatisch ist es dann wohl doch nicht. Der E-Mail-Flirt ist eher mit einem Ping-Pong-Match zu vergleichen, bei dem sich beide Spieler bemühen müssen, den Ball auf der Platte zu halten. Und da das Ganze ja in erster Linie Spass machen soll, kann es natürlich nicht nur darum gehen, im Akkord persönliche Informationen auszutauschen. Das Online-Kennenlernen verläuft letztlich nach den gleichen Regeln wie ein normales Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Ob sich ein ein virtuell angeknüpfter Kontakt dabei zu einem inspirierenden Gedankenaustausch oder eher zu einem langweiligen Abfragen von Lebenslaufdaten entwickelt, hängt ganz von den Beteiligten ab. Verzichten Sie auf Verbindlichkeiten, schreiben Sie nicht, wovon Sie glauben, dass es der andere hören will ("Ich liebe lange Gespräche, Sonnenuntergänge und Kuscheln am Kamin ..."). Versuchen Sie stattdessen individuell auf Ihr Gegenüber einzugehen, greifen Sie interessante Äusserungen Ihres Mail-Partners auf, suchen Sie nach Gemeinsamkeiten. Wenn Sie einmal eine gemeinsame Ebene gefunden haben, ist es letztlich gleich, ob Sie sich über Ihre Leidenschaft für Zwölftonmusik oder über Fingernägelkauen austauschen.

Auf dem Teppich bleiben

Wenn der Austausch intensiver wird und sich erste Gefühle regen, ist bei vielen auch die Versuchung gross, gleich "alles rauszulassen". Doch wenn Sie Ihren Mailkontakt von Anfang an dazu nutzen, um sich Ihre Probleme von der Seele zu schreiben oder seitenlang Ihren Alltag zu reflektieren, fühlt sich Ihr Flirt-Partner womöglich schnell überfordert oder als Freizeit-Therapeut missbraucht. Allzu intime Informationen über Ängste und Kindheits- oder Ehe-Traumata sollte man besser erst dann offenbaren, wenn man sich bereits persönlich näher kennen gelernt hat. Ähnliches gilt für Bilder: Natürlich ist es wichtig, sich auch visuell vorzustellen. Wenn Sie aber gleich ein Dutzend Fotos von sich, Ihrem Hund und Ihrem Schlafzimmer schicken, kann das den Adressaten schnell zur Suche nach dem Notausgang veranlassen. Schliesslich liegt der Reiz des virtuellen Kennenlernens auch darin, dass man sich zunächst unverbindlich und quasi ohne Konsequenzen begegnen kann. Durch eine Überdosis Offenheit aber fühlt sich das Gegenüber womöglich schnell vereinnahmt und unter Druck gesetzt. Tipp: Die Mischung macht's. Erzählen Sie von sich, Ihrem Leben und Ihrer Familie - schweifen Sie aber daneben auch ruhig einmal ab oder gehen Sie auf Nebensächlichkeiten wie Ihre Vorliebe für marinierten Hering oder 50er-Jahre-Comics ein - das wirkt unverkrampft und führt meist ganz selbstverständlich zu den "harten Fakten".

Das Minnesänger-Syndrom

Ebenso verbreitet: die Romantik-Falle. Wer allzu schnell von Liebe spricht oder seitenlang romantische Hymnen singt, kann leicht verschrecken oder baut womöglich einen unverhältnismässigen Erwartungsdruck auf. Natürlich hört jeder von uns gern Komplimente - aber doch nur zu Aspekten seiner Persönlichkeit, die der andere auch wirklich einschätzen kann. Allzu oft schon wurde aus "der grössten Liebe meines Lebens" im Verlauf des ersten Treffens der Reinfall des Jahres. Nehmen Sie sich also Zeit, bevor Sie Ihr romantisches Feuerwerk zünden, und machen Sie sich klar, dass Ihre Gefühle bei einer virtuellen Bekanntschaft zunächst zwangsläufig auch stark von Ihrer eigenen Vorstellungskraft bestimmt werden. Im Übrigen gilt auch hier: Was in einem Fall goldrichtig ist, kann schon beim nächsten Mal direkt ins Aus führen. Versuchen Sie die Zeichen zu deuten, die Ihnen Ihr Gegenüber gibt, und sich daran zu orientieren. Wenn Sie zum Beispiel an einem erotischen Mailwechsel interessiert sind, sollten Sie eher mit vorsichtigen Andeutungen beginnen und so Ihrem Mail-Partner Gelegenheit geben, zu zeigen, ob sie oder er darauf eingehen möchte.

Und dann?

Bleibt die Frage nach dem ersten Treffen. Auch da ist Fingerspitzengefühl gefragt: Wer zu schnell auf den Austausch der Telefonnummern oder gar der Adressen drängt, fällt aus Sicht des anderen womöglich mit der Tür ins Haus. Trotzdem: Wenn sich gegenseitige Sympathie entwickelt hat und beide grundsätzlich Interesse an einem persönlichen Kennenlernen haben, sollte man damit nicht allzu lange warten. Sonst besteht nämlich die Gefahr, dass man sich gemeinsam in einer Phantasiewelt verliert, der die Realität am Ende nicht standhalten kann. Doch auch wenn sich nicht aus jedem Mailwechsel die Liebe fürs Leben ergeben kann: Der Versuch lohnt sich allemal.

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