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Besondere Situationen

Beziehungsunfähigkeit – ein Zeichen unserer Zeit?

Die Diagnose Beziehungsunfähigkeit gibt es eigentlich nur im klinischen Bereich, umgangsprachlich wird der Begriff eher als Synonym für Bindungsangst verwendet: Die Freundin klagt über ihren Ex - hoffnungslos beziehungsunfähig, der Mensch! Ein Bekannter bezeichnet sich selbst ohne grosses Bedauern als leider völlig beziehungsunfähig, will aber schlicht und ergreifend einfach seinen Freiraum um nichts in der Welt mit einer festen Bindung tauschen. Die meisten Menschen sehnen sich nach Liebe - und doch gibt es unter ihnen auch viele, die immer wieder in ihren Beziehungen scheitern. Sie wünschen sich Nähe, aber wenn diese da ist, ist es zu viel. Liegt es im Trend, sich nicht festlegen zu wollen und emotionale Bindung als Einschränkung der persönlichen Freiheit zu erachten?

Unglückliches Paar im Freien © Fotolia

Die moderne Partnerschaft: Beziehung mit luftigem Fundament

Menschen wünschen sich Beziehungen. Wir möchten vom anderen wahrgenommen werden, in seinen Augen real werden. Wir möchten alles mit jemandem teilen. Wir sehnen uns nach Familie und Geborgenheit. Wir haben ganz genaue Vorstellungen, was am Valentinstag zu geschehen hat. Andererseits reagieren wir sehr empfindlich auf Einschränkungen unserer persönlichen Freiheit. Wir haben unseren Lebensplan, der Abstriche zugunsten eines anderen oder gar Aufopferung überhaupt nicht vorsieht. Kompromisse sind unsere Sache nicht, wir halten uns gerne alles offen.

Seit dem Wegfall des materiellen und gesellschaftlichen Zwanges zum Zusammenbleiben schweben Ehe und Partnerschaft im freien Raum. Sie müssen beiden Partnern immer noch "etwas bringen" - was genau, ist heute viel weniger konkret und fassbar als noch vor 100 Jahren.

Beziehungsmuster prägen

Schon unsere Grosseltern und Eltern haben wahrscheinlich Bindungsunsicherheiten verspürt. Sie haben mit sich und miteinander gerungen, sich vielleicht sogar scheiden lassen - oder aber alles unter den Teppich gekehrt. Als Kinder hat uns das geprägt. Unsere Eltern haben uns vorgelebt, wie man mit Konflikten umgeht - indem man sie ignoriert, indem man sich aus dem Staub macht, oder indem man sie austrägt und hoffentlich löst. In manchen Dingen sind wir auch als Erwachsene wie hilflose Kinder, in denen das Echo der leisen oder lauten Schiffbrüche unserer Eltern heute noch nachhallt. Wir haben gelernt, dass man sich nicht zusammentut, weil das sein muss (damit die Frau einen Versorger und der Mann eine Gratis-Haushälterin hat) sondern aus Liebe – oder aber, dass alles ganz plötzlich aus und vorbei sein kann.

Sehnsucht nach Liebe & Angst vor Abhängigkeit – zwei Seiten einer Medaille

Beziehungsunsicherheit hat ihre Ursachen in den Beziehungsmustern, die wir selbst mit unseren ersten Bezugspersonen erlebt haben - und nicht zuletzt auch in der Art, wie wir ganz allgemein heute unsere Beziehungen leben. Eine funktionierende Liebesbeziehung erfordert bestimmte Voraussetzungen und Fähigkeiten von beiden Seiten. Vertrauen, Kompromissbereitschaft und Offenheit sind hierbei wichtige Grundlagen. Und dabei spielt gegenseitiges Empathievermögen eine zentrale Rolle – sich in den anderen hinein zu versetzen, dessen Bedürfnisse zu erkennen und zu respektieren. Menschen mit Bindungsängsten sind oft nicht in der Lage, eine enge Bindung einzugehen oder aufrecht zu erhalten, wobei ihnen das selbst oft gar nicht in vollem Masse bewusst ist. Sie entscheiden sich nicht aktiv dazu, keine feste Beziehung einzugehen - im Gegenteil, sie sehnen sich nach Liebe und Nähe, sind unentwegt auf der Suche nach dem Glück. Gleichzeitig können sie sich aber nicht voll und ganz auf einen Menschen einzulassen.

Sie sind nicht bereit, Kompromisse einzugehen, verhalten sich egoistisch, stellen die eigenen Bedürfnisse über die des Partners, geben ihre Gefühle nicht preis, zeigen sich kühl und distanziert. Möglicherweise sind sie sich ihres Problems nicht einmal bewusst und suchen die Fehler permanent bei anderen. So wird die Beziehung selbst zunehmend an den Rand gedrängt. Verpflichtungen wie Arbeit oder zeitintensive Hobbys fungieren als Ausreden, um sich persönlich abzugrenzen. Erklärt wird derartiges Verhalten damit, dass doch jeder seinen eigenen Lebensbereich brauche und die persönliche Freiheit wichtig sei für das Zusammensein – Vorwände, um sich nicht in die gefürchtete emotionale Abhängigkeit zu begeben. Statt Freiräume aufrecht zu erhalten, werden Mauern aufgebaut.

Das „Ich“ im Spannungsfeld zwischen virtueller und realer Welt

Eine feste Partnerschaft bringt Verpflichtungen und Verbindlichkeiten mit sich. Je länger die Bindung andauert, desto enger wird sie. Geringerer gesellschaftlicher Druck und bessere wirtschaftliche Stellung haben dazu geführt, dass moderne Partnerschaften zunehmend auf Unverbindlichkeit gebaut werden. Die Ehe als Wirtschaftsgemeinschaft, als kleinste Zelle der bürgerlichen Ordnung, hat ausgedient. Trotz tradierter Steuervorteile - wirklich materiell gebraucht wird die alte, sichere, oftmals erdrückende Zweisamkeit nicht mehr. Und es gibt wohl wenige, die nicht unterschreiben würden, dass das auch gut so ist. Die scheinbar grenzenlose Freiheit zieht aber auch die Qual der Wahl nach sich: Entscheidungen zu treffen wird als schwieriger empfunden da so viele Möglichkeiten offen stehen. In Bindungen wird dann nicht allzu viel Emotion investiert, weil man eben nicht sicher ist, ob sich nicht doch etwas Besseres findet. Die Angst, etwas zu verpassen sowie vor Verpflichtungen und zu viel Nähe mündet nicht selten in einer unverbindlichen „Halbbeziehung“ ohne Perspektiven.

Ganz früher trafen sich alle unter der Dorflinde. Dann kam man einfach spontan vorbei. Dann verabredete man sich für in zwei Wochen. Dann rief man vorher an. Dann schrieb man SMS und änderte seine Pläne gern mal kurzfristig. Und schliesslich blieb man zuhause und traf andere unter der virtuellen Linde sozialer Netzwerke - So könnte man die Evolution menschlicher Zusammenkünfte im Zeitraffer-Cartoon karikieren.

Diese Entwicklung hin zu mehr Unverbindlichkeit bringt typische Probleme auch für Beziehungen. Heute werden weder Zeit noch Mühen gescheut, um eine möglichst beeindruckende Online-Persona seines realen Ich zu kreieren. Wir posten flotte Sprüche, attraktive Selfies und Fotos von unseren spannenden Aktivitäten, machen jeden darauf aufmerksam, wie fabelhaft wir uns mit unseren Freunden amüsiert haben. Sich von seiner Schokoladenseite zeigen zu wollen ist menschlich. Oft steckt hinter der Fassade aber ein verunsicherter Mensch, den wir selbst immer weniger zulassen können, je mehr Online-Existenz und reales Leben sich verflechten. Denn in einer Beziehung sieht man sich ohne konstruierte oder geschönte Pose, erlebt einander sprachlos, ratlos, voller Angst, mürrisch, besessen von merkwürdigen Kleinigkeiten. Intimität ist gelebter Kontrollverlust. Und genau den können wir oft nicht aushalten.

Mehr Mut zum „wir“

Wörter wie "gemeinsame Zukunft", "Pläne", oder "seriöse Beziehung" lösen bei einigen Menschen einen Fluchtreflex aus, weil sie eine ernsthafter werdende Beziehung mit dem Verlust der Eigenständigkeit gleichsetzen. Formeln wie "wir" werden als bedrohlich und angsteinflössend empfunden. Die Basis für eine funktionierende Beziehung ist jedoch ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Abhängigkeit und Autonomie. Viele Menschen verschanzen sich in ihrem Unabhängigkeitsstreben und verschliessen sich durch ihre Bindungsangst schon im Vornherein.

Wer diese emotionale Achterbahnfahrt kennt und schon öfter den wehmütigen Eindruck hatte, sich selbst vielleicht etwas Wundervolles zerstört zu haben, sollte dennoch nicht zu hart mit sich ins Gericht gehen. Der Blick zurück auf missglückte Beziehungen ist bitter genug und Selbstvorwürfe bringen niemanden weiter. Stattdessen sind diese nur ein weiterer Angriff auf das Selbstbewusstsein, das bei bindungsängstlichen Menschen generell angeknackst ist.

Bezeichnend für Menschen mit Bindungsangst ist, dass der Wunsch nach einer Partnerschaft nicht ankommt gegen die Angst, in der Beziehung sich selbst zu verlieren, zu versagen, dem Partner nicht zu genügen und dann wieder verlassen zu werden. Dem Kreislauf entrinnen kann man nur, indem man sich ehrlich den Tatsachen stellt und erkennt, dass die Angst sich festzulegen und zu binden zusammenhängt mit der Angst, zu scheitern, verletzt zu werden. Sich einzugestehen, dass das eigene Selbstwertgefühl ein wenig Pflege und Unterstützung braucht, ist natürlich nicht leicht. Sich selbst zu lieben und mit allen Fehlern und Schwächen anzuerkennen, ist ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zum „Wir“: Um Vertrauen aufzubauen und Bindungsängste zu überwinden braucht es Zeit und Verständnis von beiden Seiten. Wer sich seinem Gegenüber so offen wie möglich mitteilt und diesem zu verstehen gibt, dass gelegentliche Rückzugstendenzen nicht gegen ihn persönlich gerichtet sind, hat die erste Hürde erfolgreich bewältigt ...

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