Die meisten Paare in der Schweiz haben den Lockdown praktisch schadlos überstanden

06.02.2020 Katharina Hemmelmair

Mit dem Lockdown ab dem 16. März 2020 sassen plötzlich viele Paare in der Schweiz während Monaten eng aufeinander. Wie eine neue, repräsentative Studie der Online-Partneragentur Parship.ch bei rund 1‘000 Frauen und Männern in der Schweiz zeigt, scheinen die Liierten diesen „Stresstest“ überraschend gut überstanden zu haben: Mehr als die Hälfte gab an, die Beziehung sei in den letzten drei Monaten intensiver und besser geworden. Gar 70 Prozent haben es genossen, mit dem Partner mehr Zeit zu verbringen, häufiger zu kuscheln und öfter als sonst Sex zu haben. Gestritten wurde aber trotzdem, und zwar über zu viel Zeit am Handy/Tablet, Unordnung, zu wenig Mitarbeit im Haushalt und Pingeligkeit.

Zürich,

Gemäss der neusten repräsentativen Studie der Online-Partneragentur Parship.ch bei rund 1‘000 Frauen und Männern in der Schweiz, gewinnen Paare dem Lockdown deutlich mehr positive als negative Aspekte ab: Mehr als jede zweite Beziehung (55%) hat sich in den letzten Wochen intensiviert. Dies gilt vor allem für jene, die zwischen zwei und fünf Jahren zusammen sind. Aber auch bei Partnerschaften, die bereits zehn Jahre oder länger andauern, sagt jeder Zweite, dass die Beziehung stärker wurde. Vor allem bei den Jungen unter 30, insbesondere bei den Männern, scheint sich der Lockdown positiv ausgewirkt zu haben.

Folgende Gegebenheiten haben den Schweizerinnen und Schweizern dabei geholfen, die Zeit ab dem 16. März mit dem Partner, der Partnerin besser zu meistern:

  • Genügend Platz für einen Rückzugsort (50%)
  • Gerne Zeit miteinander verbringen (49%)
  • Gut miteinander reden können (47%)
  • Harmonisches Zusammenleben (42%)
  • Bereitschaft, Kompromisse einzugehen (36%)
  • Gerechte Aufteilung der Hausarbeit (30%)

Jeder Fünfte gibt an, dass die letzten Wochen eine ernsthafte Beziehungsprobe für die Beziehung dargestellt haben (bei den 40 bis 49-Jährigen jeder Vierte). Entsprechend hatten 16% mit Beziehungsproblemen zu kämpfen. Am meisten kriselte es in in den fünf- bis zehnjährigen Beziehungen (24%), gefolgt von den 11 bis 15 jährigen Beziehungen (21%). Dennoch sind nur 2% der Schweizer Beziehungen während des Lockdowns zerbrochen. 11% der Personen in Partnerschaft haben aber zumindest an eine Trennung gedacht bzw. an der Beziehung gezweifelt.

„Die Zahlen rund um ernsthafte Beziehungsproben und allfällige Trennungen mögen auf den ersten Blick tief erscheinen. Sie zeigen aber, dass der Lockdown doch einen aussergewöhnlich starken Einfluss auf viele Paare hatte. Wie ich auch jetzt in meiner Praxis sehe, kriselte es auf jeden Fall öfter als in normalen Zeiten“ stellt Parship.ch- Psychologin Dania Schiftan fest. „Erfreulich ist hingegen, dass fast Dreiviertel gut durch den Lockdown gekommen sind. Diese Paare haben es offenbar geschafft, sich ganz bewusst so zu adaptieren und zu organisieren, dass sie ihre Partnerschaft gut meistern konnten.“

Mehr Zeit für Sex und zum Kuscheln

70% aller Befragten haben während des Lockdowns mehr Zeit mit dem Partner verbracht und dies auch genossen. Vor allem den Männern scheint es gefallen zu haben: Bis auf die Altersgruppe 60 bis 69 sind die diesbezüglichen Zustimmungsraten bei Männern höher als bei den Frauen (bei den unter 30-Jährigen sind es sogar 85% Männer vs. 67% Frauen). Das Homeoffice hat mit 76% Vollzeit- und 72% Teilzeit- Homeoffice zum positiven Einfluss beigetragen. 6% aller Befragten fanden es belastend, mehr Zeit mit dem Partner/ der Partnerin zu verbringen.

Ein Drittel der Paare hat die zusätzliche Zeit zum häufiger Kuscheln genutzt. Dabei wurde je jünger, desto mehr gekuschelt. Männer hatten insgesamt (noch) mehr Lust auf Sex als Frauen, dennoch hatte knapp ein Viertel aller Paare mehr Sex als sonst. Auch hier gilt, dass vor allem die Frischverliebten mit einer Beziehungsdauer von ein bis zwei Jahren häufiger mehr Sex hatten (34%).

„Ich kenne dieses Phänomen aus meiner Praxis: Paare packen ihre Agenda so voll mit Sport, Hobbys und zum Beispiel Freunden, dass sie daneben praktisch keinen Platz mehr für die Sexualität haben“, sagt Dania Schiftan. „Fallen all diese Termine auf einmal weg, entstehen plötzlich viel mehr Möglichkeiten – etwa tagsüber – zum Sex haben oder kuscheln. Insofern bewerte ich diesen Aspekt des Lockdowns für diese Paare als durchaus positiv und hilfreich.“

Du bist so pingelig! Und du so unordentlich!

Trotz allen positiven „Nebeneffekten“ haben viele während des Lockdowns durchaus auch gestritten. Männer haben sich vor allem mehr als sonst darüber genervt, dass ihre Partnerinnen ständig aufs Handy/Tablet schauen, pingelig und unordentlich sind, zu wenig Eigenitiative zeigen und dass sie immer alles ausdiskutieren wollen.

Frauen haben sich auch mehr als üblich daran gestört, dass der Partner ständig aufs Handy/Tablet schaut und unordentlich ist. Weiter fanden sie, der Partner habe zu wenig im Haushalt mitgeholfen, schnarche in der Nacht und könne nicht zuhören.

44% gaben an, sich über nichts (!) mehr zu nerven als sonst. Je älter die Befragten waren, desto weniger hatten sie mehr als sonst am Partner oder der Partnerin auszusetzen.

Zum Reizthema „Mithilfe im Haushalt“ sagt Dania Schiftan: „Menschen, die sich schon länger in einer Beziehung befinden, bei der die Aufgaben aufgeteilt sind, haben bezüglich Haushalt weniger Streitpotenzial. Jüngere Paare führen oft gemeinsam einen Haushalt und reiben sich an den Unterschieden bei der Hausarbeit. Kommen Kinder dazu, bleibt die Haus- und Kinderarbeit meist bei der Frau hängen. Das wurde im Lockdown sicher verstärkt. Die Frauen hätten aber auch noch im Homeoffice arbeiten sollen. Kein Wunder, lag bei dieser dreifachen Belastung viel Streitpotenzial drin“, konstatiert Schiftan.“

 

Über die Studie: Die Studie wurde vom 29. Juni 2020 bis 02. Juli 2020 vom digitalen Markt- und Meinungsforscher Unternehmen marketagent.com durchgeführt. Befragt wurden 1.008 Personen, davon 659 aktuell in einer Partnerschaft, im Alter von 18 bis 69 Jahren in der Schweiz (Westschweiz, Raum Zürich, Raum Bern, Ostschweiz, Mittelland, Zentralschweiz, Nordwestschweiz und Graubünden).