> Panorama > Partnerschaft > Angst vor Nähe: Wie Bindungsangst & Beziehungsangst entsteht

Partnerschaft

Angst vor Nähe

Vermutlich hatten die meisten Menschen in ihrer Beziehungsvergangenheit einen Partner, den sie rückblickend als "bindungsunfähig" bezeichnen würden. Das war jemand, der sich nie so richtig auf die Beziehung einlassen konnte, immer sehr distanziert wirkte und unnahbar war. Vielleicht ist es auch der aktuelle Partner, der Nähe nur bedingt zulässt und einen nicht an sich heran lässt. Der folgende Text soll eine kleine Hilfe bieten, besser zu verstehen, wieso es manchen Menschen schwerfällt, sich zu binden und auf eine Partnerschaft einzulassen.

Frau mit Kind Die Mutter ist die erste Bezugsperson...  –   © Fotolia

Ein grundlegendes Bedürfnis

Als soziales Wesen ist der Mensch per se darauf angelegt, mit anderen zu interagieren. Ein wichtiger Faktor dieser Interaktion ist Nähe - sowohl körperliche als auch emotionale. Über die gesamte Lebensspanne hinweg pflegen wir daher vielfältige Beziehungen, um dieses existenzielle Bedürfnis zu befriedigen. Im Idealfall suchen und finden wir Geborgenheit und Sicherheit in der Familie, suchen uns Freunde, in denen wir uns wiederfinden, mit denen wir Interessen teilen und Spass haben können. Wir streben danach, die Liebe zu finden - und mit ihr einen Menschen, der uns komplettiert und mit dem wir unser Leben teilen können.

Die Mutter aller Beziehungen ...

Wie wir die Interaktion mit anderen ausgestalten, hängt massgeblich davon ab, welcher Art die erste Beziehung überhaupt war. Im Regelfall ist diese primäre Bezugsperson die Mutter; für einige vielleicht auch der Vater, die Grosseltern oder andere Menschen, die in den ersten Lebensjahren für einen gesorgt haben. Zu eben diesen nahestehenden Personen wird eine besondere emotionale Beziehung aufgebaut, für welche der psychologische Begriff Bindung verwandt wird. Im Idealfall vermittelt die Bezugsperson dem Säugling Geborgenheit und Sicherheit. Indem sie die Bedürfnisse des Kindes sensibel wahrnimmt, sich um es sorgt, es tröstet und ihm vermittelt, dass es sich auf sie verlassen kann. Insbesondere in konkreten Gefahren- oder sehr ambivalenten Situationen wird das Bedürfnis nach Bindung aktiviert. Kinder bauen Blickkontakt auf, schreien oder weinen, um zu signalisieren, dass sie momentan nicht mehr alleine weiter wissen. Durch wiederholtes Auftreten solcher Situationen entwickelt das Kind eine gewisse Vorstellung davon, was es von den Bezugspersonen zu erwarten hat. Psychologen unterscheiden vier verschiedene Arten von Bindung, wovon im Folgenden insbesondere die ersten drei von Relevanz sein sollen:

  • sicher gebunden
  • unsicher-vermeidend
  • unsicher-ambivalent
  • desorganisiert

Sicher gebundene Kinder haben eine gesunde Autonomie entwickelt. Sie sind in der Lage, ihre Umwelt aktiv zu erkunden und vielfältige Erfahrungen zu sammeln, da sie ihrer Bezugsperson vertrauen können und sich ihrer Verfügbarkeit bewusst sind. Dieser Idealfall entwickelt sich dann, wenn Bezugspersonen, wie oben geschildert, besonders feinfühlig auf ihr Kind eingehen und seine Bedürfnisse wahrnehmen.

Kinder, die häufig mit Abweisung konfrontiert wurden und deren Befinden von den Bezugspersonen nicht immer adäquat aufgefasst wurde, entwickeln eine unsicher-vermeidende Bindung. Da sie nicht darauf vertrauen können, dass ihre Bezugsperson für sie da sein wird, versuchen sie weitestgehend unabhängig von ihr zu sein, da sie Ablehnung vermeiden wollen.

Unsicher-ambivalent gebundene Kinder können das Verhalten ihrer Bezugsperson nicht einschätzen; diese reagieren nicht vorhersehbar mit Zuwendung oder Abweisung, sodass keine sichere Bindung aufgebaut werden konnte. Diese Kinder sind dennoch sehr abhängig von ihrer Bezugsperson und unsicher, wenn es darum geht, eigene Erfahrungen zu sammeln.

Die Rolle der Bindung im Erwachsenenalter

Die Bindungserfahrungen der Kindheit wirken sich auf das gesamte Leben aus. Sie bestimmen sozusagen darüber, was Menschen von Beziehungen erwarten. Vereinfacht lässt sich feststellen, dass diejenigen, die gute Erfahrungen gemacht haben, auch davon ausgehen, in künftigen Beziehungen glücklich werden zu können. Entsprechend bringen sie ihrem Partner grundsätzlich Vertrauen entgegen, fühlen sich liebenswert und sind um ein ausgewogenes Mass an Nähe und Miteinander bemüht.

Mann und Frau auf Bank Distanziertheit als Selbstschutz?  –   © Fotolia

Menschen vom Typ "distanziert, unnahbar, bindungsunfähig" haben zumeist weniger gute Bindungserfahrungen sammeln können. Viele von ihnen haben als Kind Bezugspersonen erlebt, deren Verhalten sie nicht vorhersehen bzw. nicht auf deren Unterstützung hoffen konnten. Vielleicht blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich etwas zu distanzieren und weniger Energie in ihre Beziehung zu investieren, um sich davor zu schützen, verletzt zu werden. Solche Erfahrungen lassen sich nicht ungeschehen machen, weshalb es ihnen auch als Erwachsene nicht leicht fällt, Nähe zuzulassen ...

Vor schlechten Erfahrungen ist man nie gefeit

Hinzu kommt, dass es nicht nur die Erfahrungen im Kindesalter sind, die sich darauf auswirken, welche Einstellung man gegenüber Beziehungen entwickelt. Auch als Erwachsener kann man von Menschen betrogen werden, können Gefühle verletzt werden oder gravierende Beziehungsprobleme dazu führen, dass das Vertrauen in Menschen schwindet. Manche stecken solche negativen Erfahrungen leichter weg, verarbeiten sie und können abschliessen, ohne ihre Eindrücke zu generalisieren. Anderen hingegen gelingt das nicht - sie können die entwickelten Ängste nicht einfach überwinden und haben auch in folgenden Beziehungen Probleme damit, Nähe zuzulassen. Insbesondere jene, die in jungen Jahren schlechte Erfahrungen gemacht haben, sind sehr sensibel: Sie erwarten schon von vornherein, dass Partner sie enttäuschen und verletzen werden. Diese Erwartung leitet ihr Verhalten; sie zeigen sich misstrauisch, lassen nur wenig Nähe zu, offenbaren ihre Gefühle nicht vollständig. So etwas macht nicht jeder mit, weshalb es langfristig vermutlich zu einer Trennung kommen wird, sodass die anfänglichen Erwartungen als bestätigt angesehen werden, was die Beziehungsangst wiederum bestärkt.

Vom richtigen Umgang mit der Bindungsangst des Partners

Dem Partner schon beim kleinsten Anzeichen von Problemen mit Nähe eine Störung zu diagnostizieren wäre falsch. Wie vieles andere ist auch das Bedürfnis nach Nähe ein Stück weit Charaktersache: Manche Menschen sind sehr anhänglich, "kuschelbedürftig" und können kaum alleine sein; andere Persönlichkeiten hingegen geniessen es, auch mal ihre Ruhe zu haben, brauchen weniger Körperkontakt und machen vieles lieber mit sich selbst aus, als anderen ihr Herz auszuschütten. Wer liebt, sollte das respektieren und akzeptieren lernen, denn zumeist zeigen sich solche Eigenschaften schon von Beginn an. Natürlich müssen beide einen Mittelweg finden, mit welcher Auflösung von "Nähe" beide zurechtkommen. Wenn distanzierende Verhaltensweisen jedoch ein gewichtigeres Ausmass haben und ein normaler Umgang miteinander kaum möglich ist, kann eher davon ausgegangen werden, dass der Partner Schwierigkeiten hat, sich zu binden; in diesem Falle sei Folgendes zu berücksichtigen:

Nachfragen

Wem etwas an der Beziehung gelegen ist, der sollte an ihr arbeiten. Dieser Prozess beginnt mit einem Gespräch, in dem sich hoffentlich die Ursachen für die Furcht vor zu grosser Nähe herauskristallisieren. Wer zusätzlich in der Lage ist, sich in den Anderen hineinzuversetzen, der wird feststellen, dass die Wahrung von Distanz nichts mit Egoismus zu tun hat, sondern in den meisten Fällen eine Form von Selbstschutz ist.

Versuchen, Sicherheit zu vermitteln

Angst vor Zurückweisung, Panik vor zu viel körperlicher Nähe, Schutz vor Verletzung, Unsicherheit im zwischenmenschlichen Kontakt. Solche und ähnliche Gründe würden Menschen nennen, die Probleme damit haben, sich zu binden. Wer an seinem Partner festhalten möchte, sollte versuchen, diese Sorgen abzufangen und ihnen entgegenzuwirken. In manchen Fällen können Beteuerungen mündlicher Art helfen, den Anderen zu beruhigen; bei einigen wird es länger dauern, ehe sie aufgrund des gezeigten Verhaltens und der gesagten Worte merken, dass es diesmal tatsächlich anders läuft; andere werden selbst den gut gemeintesten Taten und Worten keinen Glauben schenken, da ihr Beziehungsmuster zu tief verankert ist. In solchen Fällen kann es helfen, eine Paartherapie zu besuchen, in der die Probleme gezielt aufgearbeitet werden können.

Geduld haben

Das Bedürfnis nach einer innigen Beziehung und ein Partner, der Schwierigkeiten damit hat, sich zu binden, mögen auf den ersten Blick unvereinbar wirken. Allerdings sollte niemand vorschnell aufgeben, insofern ihm wirklich etwas am Partner liegt.

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